15 September 2026

Jardim dos Areias - eine Waldwanderung

Boca da Encumeada - Lombo do Peixe - Fajã Fernandes - Jardim dos Areias - Fajã Fernandes - Cascalho - Ribeira Grande - 8 km



Eine Waldwanderung im tiefen Schatten des Laurissilva ist auch bei mehr als 30° für mich immer noch ein Vergnügen. Ich bin wieder mit Jorge verabredet, und sein Vorschlag ist, von der Boca da Encumeada hinunter nach Ribeira Grande zu gehen. Ich habe zwar das Wegelabyrinth östlich vom bekannten PR 21 schon ein paarmal erforscht, aber ich lasse mich darauf ein. Zum einen ist auch mal ganz schön, nicht immer nach dem richtigen Abzweig suchen zu müssen, zum anderen verspricht er mir einen ganz besonderen Ort. 

Wir beginnen ganz gemütlich unterhalb des Pico da Encumeada Richtung Osten zu wandern. Für die Aussicht über das São Vicente Tal  bietet sich ein kleiner Felsen als Miradouro an. Dann durchqueren wir drei Bachläufe und verlassen am Lombo do Peixe den Weg, der uns entlang der Felswand des Massivs zum Jardim dos Areias führen würde. Zwei mächtige Felsstürze haben ihn zerstört und auf Dauer unpassierbar gemacht. Der Umweg lohnt sich aber allein schon wegen der gewaltigen Bäume, die wie ein Gebirge im Wald stehen.










Nach anderthalb Stunden erreichen wir die Fajã Fernandes und steigen wieder auf, um einen Loop über den Jardim dos Areias zu machen. Wir sind wieder auf einem der Wege, die in dieser - heute bewaldeten - Bergregion, noch vor 100 Jahren Feldwege waren. Bei einem kleinen Abstecher zur Ribeira Grande (auf 760 hm) treffen wir auf drei einheimische Wanderer mit zwei Hunden, die sich von Jorge erklären lassen wie sie zur Boca da Selada weitergehen können. (Sie werden im Laufe des Nachmittags noch mehrmals telefonisch um Rat fragen, weil sie sich verirrt haben.) 





Für uns geht's jetzt erstmal ziemlich steil bergauf. Noch immer habe ich überhaupt keine Vorstellung, was ich mir unter einem "Sandgarten" vorzustellen habe, um so überraschter bin ich als wir in diesen Garten eintreten. Madeirenser neigen gerne in ihrer Sprache zur Verniedlichung, denn was ich hier erlebe, ist ein Park der Giganten. Riesige verwitterte Felsen mit Spalten und Höhlen liegen da zwischen den Bäumen herum. Es scheint, als seien wir in eine andere Zeit eingetreten. Über uns thront der Pico do Ferreiro. Außer dem Rauschen der Ribeira Grande unter uns und ein paar Vogelstimmen ist nichts zu hören. Die Welt ist woanders - es ist magisch!



Die Pforte









Es fällt schwer sich von diesem Ort zu lösen, aber wir haben ja noch einen schönen Weg vor uns durch die Fajã Fernandes und entlang der Vereda do Cascalho.






Bald tauchen dann auch die Überrreste von Palheiros auf und deutlich sieht man, dass die Vereda mal richtig breit war und mit sanftem Gefälle angelegt. Da laufen die Beine wie von alleine. Doch die Freude, hält nicht lange an, denn der Fluss reisst mit zerstörerischer Kraft alle paar Jahre ein weiteres Wegstück mit und eine Umleitung folgt der nächsten. Notdürftige Sicherungen am steilen Böschungshang bieten nur  trittsicheren Wanderern eine Hilfe den Weg fortzusetzen. (Bei unserem letzten Versuch vor zwei Jahren sind wir notgedrungen einfach durchs Flussbett gegangen: Fajã Fernandes April 2024) Auch jetzt müssen wir den Fluss mehrfach überqueren und mal an dem einen, mal an dem anderen Ufer durch viel Gestrüpp laufen. Mit dem Auftauchen der Ruinen von Cascalho gibt es wieder einen richtigen Weg bis wir die Straße in Junça/Ribeira Grande und damit das zweite Auto erreichen.






Fazit: eine geniale Tour, die ich sicher auf die eine oder andere Art wiederholen werde. 
Zum größten Teil sind die Wege einfach und gut zu gehen, aber einige wenige Passagen verlangen absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

Gehzeit: 4 h

Höhendifferenz: ↗ 250 m ↘ 800 m


 


10 September 2026

Espigão

Lombo - Espigão/Geodésico - Terra Chã 

Nach all den Genusswanderungen der letzten Monate hatte ich mal wieder den Wunsch nach einer echten Herausforderung, nach dem Motto "mal schauen, was noch geht". Also suchte ich aus meiner Liste etwas aus, was dort schon lange wartet, fragte Jorge, ob er mich führt, und wir fanden einen Tag, an dem ich sowieso keine Wanderbegleitung hatte.

Weil unser Weg sowieso einer Generalüberholung bedurfte (es gehen hier einfach nur noch selten Wanderer), begleitet uns auch noch Orlando Barbeito. Dann machte sich die 70+/- Gruppe auf den Weg, die beiden Männer, wie immer mit dem Podão (Machete).


da wollen wir hinauf - Espigão

Dass der September nicht die idealste Zeit ist, um im Westhang des São Vicente-Tals einen Wanderung zu machen, war klar: es ist heiß, die Vegetation ist üppig bzw. fällt vertrocknet in sich zusammen, besonders der 2-3 m hohe Farn, und es gibt Wespen. Unglücklich war, dass wir sowohl beim Aufstieg an einer sehr schmalen Kante und beim Abstieg auf dem Grat auf ein Wespennest stießen. Rechtzeitig bemerkt, musste ein Umweg gesucht und freigeschlagen werden - ohne Ortskundige ein lebensgefährliches Unterfangen. Aber mein Vertrauen in meine Begleiter wächst mit jeder Wanderung - sicherer kann man auf Madeira nicht unterwegs sein.






Auf den letzten sehr steilen hundert Höhenmetern muss ich zweimal Pause machen - das Alter und die Hitze machen sich bemerkbar. Als wir den Geodésico von Espigão und damit den Gipfel des Lombos erreichen, ist alle Müdigkeit verflogen. Die Aussichten sind grandios.






Der Abstieg Richtung São Vicente erfolgt zunächst auf dem Grat, mal gut geschützt durch dichten Baumheidebewuchs rechts und links, mal direkt auf dem Fels, mit ganz moderatem Gefälle. Dann wird der Bergrücken breiter, wir sind in der Lorbeerbaumzone, und nur wer weiß, wo ein Weg sein sollte, wird ihn auch finden. Ich kann eigentlich ganz gut Spuren lesen, aber hier wäre ich verloren gegangen. Jorge und Barbeito setzen neue Markierungen, zeigen mir, wo der alte, aufgegebene Weg gewesen wäre, und gehen so zielstrebig durch das kniehohe Laub nach unten, als würden sie das jeden Tag machen. Als wir in die Eukalyptuszone kommen beginnt die nicht endend wollende "Direttissima", elend steil und mit dem ganzen Laub und Rinden wirklich müsam. Dazu noch ein paar Klettereinlagen - mehr als einmal wünschte ich mir einen Fallschirm. Absprungmöglichkeiten hätte es genug gegeben, aber ich musste mich mit den überwältigenden Aussichten zufriedengeben und mit mittlerweile ziemlich müden Beinen noch den Weg entlang der Felswand über Terra Chã - hochkonzentriert - schaffen. Was mich in diesen Situationen immer von meiner Müdigkeit ablenkt, sind die Geschichten von den Menschen, die dies jahrhundertelang tagtäglich gemacht haben: Holzfäller, die dort oben gearbeitet und ihre Frauen und älteren Kinder, die das Mittagessen auf den Berg gebracht haben. 


Blick nach vorn - São Vicente - das ist der Abstieg

Blick zurück - Espigão








die Lapas negras an der Ostflanke

Ribeira Água d'Alto


Blick zurück - der Abstieg durch die Flanke

zurück in der Zivilisation


Ich bin ziemlich glücklich, als ich wieder ebenen Boden unter den Füßen habe und einfach nochmal den Blick zurück schweifen lasse. Was für eine tolles Abenteuer! Wir sind 760 m hinauf und 930 m hinunter und ich habe dafür fast acht Stunden gebraucht.

Fazit: eine geniale Wanderung bei Top-Wetter, ABER nie ohne ortskundige Führung und mit viel Wasser, denn es gibt keine Quelle und damit keinen ständig wasserführenden Bach