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16 September 2024

Süd und Nord

Wie ihr sicher schon bemerkt habt, veröffentliche ich hier fast nur die schönen Erlebnisse, die ich auf Madeira habe. Die schlimmen Dinge, die hier passieren, wie beispielsweise die immer wiederkehrenden verheerenden Brände überlasse ich anderen Medien zur Veröffentlichung. Ich will keine Katastrophenreportagen machen und halte mich deshalb von den verwüsteten Gebieten fern. Und wenn es doch nicht anders geht, weil man eigentlich nirgends mehr hinfahren kann ohne durch eine verbrannte Region zu kommen, dann versuche ich die Eindrücke auszublenden.

Aber nun wollte ich Quellwasser von der Serra holen und musste mich zwangsläufig in die "Todeszone" begeben. Ich war da ganz alleine - was auf dieser total überfüllten Insel fast ein Phänomen ist - und es war ziemlich gespenstisch. Also habe ich doch mal ein kurzes Video davon gemacht. 


Das Wasser ist übrigens gut, aber der Rest ist ziemlich Kacke. Wäre ich hier Touristin, ich würde diese Insel sicher nicht wieder bereisen oder vielleicht erst in zehn Jahren.

Zum Glück wohne ich hier und kenne mich aus und kann meinen Akku schnell wieder aufladen. Und so sieht das eine halbe Stunde später auf einem meiner Lieblingsorte aus:



11 September 2016

Grün ist die Hoffnung

... und wenn sie auch nur aus Farn, Stechginster und einfachem Gras besteht, das den verkohlten Boden durchbricht.

Stechginster scheint unverwüstlich

...genauso wie der Adlerfarn


Wir sind heute - einen Monat nach den verheerenden Bränden - zum ersten mal wieder auf die Serra gefahren. Die Straße von Estreito bis Arco da Calheta ( ER 222) und weiter über Loreto, ist bis Paul da Serra in gutem Zustand. Nur links und rechts darf man nicht schauen, und wenn man es tut, ahnt man, was noch passieren wird, sobald es beginnt stärker zu regnen oder zu stürmen.

Regionalstraße ER 222 zischen Estreito da Calheta und Estrela

im Eukalyptuswald fallen die Blätter und bedecken die Ascheschicht auf dem verkohlten Waldboden

Nördlich der ER 110 ist die Serra unversehrt. Nur die Südhänge sind rabenschwarz.

Weiter gings über die Fanalstraße ER 209 Richtung Porto Moniz (siehe nächster Post), um dann über Santa - Fonte do Bispo auf der ER 210 Richtung Prazeres - Calheta zurückzufahren. Ab Fonte do Bispo ist es das gleiche erschreckende Bild von verbrannten Bäumen und verkohlter, pulverisierter Erde mit kleinen Farnschößlingen.

Wir beten für einen Herbst mit sanften Regenfällen und einen sturmfreien Winter!


15 August 2016

Ruhe kehrt ein

Nach einer Woche kehrt Ruhe und für viele Menschen, die nicht direkt von den Bränden betroffen waren, wieder Alltag ein - oder besser: der Versuch den Alltag zu leben. Für diejenigen, die ihre Angehörigen und Freunde oder ihr ganzes Hab und Gut, ihre Existenz verloren haben, wird diese Augustwoche den Rest ihres Lebens bestimmen.
Dagegen nimmt sich unser eigener Schrecken und die Trauer über die uns direkt umgebende zerstörte Flora klein und fast belanglos aus.
Von den dramatischen Szenen in Funchal habt ihr durch die Medien wahrscheinlich fast mehr mitbekommen als wir, denn wir waren ja zeitweise von allem abgeschnitten.
Im Gegensatz zur Panik, die in den brennenden Stadtteilen ausbrach, hatten wir mehr Zeit unsere Flucht, vorzubereiten. Wir hockten zuhause ja wie auf einem Feuerwachturm und konnten sehen, wie sich die Flammen über alle Hügel und Täler den Weg in unsere Richtung bahnten. 
Dass sich die Flammen entschieden oberhalb unserer Siedlung weiterzuziehen war nicht nur Glück, sondern ein Wunder und so blieben alle Häuser und Menschen auf unserem Lombo unversehrt.
Die Tage danach zehrten allerdings an den nervlichen Kräften, denn um uns herum brannte es ja weiterhin und wir hatten nur noch eine "Pfütze" Wasser, mit der wir unser Haus gegen Entzündung durch Funkenflug hätten schützen können. Am Freitag wurden dann endlich mehrere Container Trinkwasser abgesetzt, mit denen die reparierten Leitungen geflutet wurden und auch Levadawasser kam überall vom Berg wieder herunter.
Das war auch höchste Zeit, denn die Temperaturen stiegen wieder an und auch der Wind drehte nochmals richtig auf. Am Montag waren dann die letzten aktiven Feuer an der Südküste gelöscht.
Natürlich stellen sich jetzt große Fragen, wie es zu solch einer Katastrophe kommen konnte. Es waren ja mehrere Ecken auf der Insel fast gleichzeitig in Brand geraten. In Funchal war es eindeutig Brandstiftung, bei den Feuern im Westen gibt es bislang nur Vermutungen dazu. Dass sich kleine Brandherde zu einem Inferno entwickelten, lag natürlich an den Witterungsbedingungen, aber die bestanden ja bereits seit Tagen und außer dem Verbot von Feuerwerken und einer Ermahnung an die Bevölkerung vorsichtig zu sein, gab es keine weiteren Schutzvorkehrungen.
Nun haben wir eine Bilanz von 4 Toten, mehr als 200 zerstörten Häusern und einer verbrannten Fläche von 116 qkm, was fast einem Sechstel der Insel entspricht. Es ist zu hoffen, dass diesmal nicht nur leere Versprechungen, sondern wirklich sinnvoll koordinierte Taten folgen, mit dem wichtigsten Ziel überhaupt: das Paradies - ja, das ist es immer noch - und seine Bewohner zu schützen.
Alle südlichen Länder kämpfen ja mit dem gleichen Problem, der Flächen - und Waldbrände in heißen Sommern. Auch Madeira hat schon einiges an Bränden erlebt, aber fast immer war es "nur" Natur, die den Flammen zum Opfer fiel. "Das erholt sich doch wieder", hörten  wir sowohl von Einheimischen als auch von Residenten.
Was mich so maßlos aufregt, ist die Geringschätzung unserer wichtigsten Lebensgrundlage: Natur, das sind nicht ein paar hübsche Blümchen oder beeindruckende Bäume, sondern das, was uns das Leben auf dieser Welt erst ermöglicht.
Entschuldigt meine Theatralik, aber meine Gefühle sind nach diesen Ereignissen schwer im Zaume zu halten.

Zum Schluss möchte ich nochmals betonen: 

Madeira ist ein Paradies! 

Kommt hierher, seht es euch an und helft damit, dass die Verwundungen schnell wieder heilen.

13 August 2016

Chronologie des Schreckens


Am Tag 4 nach der verheerenden Brandkatastrophe auf Madeira kehrt langsam Beruhigung ein.
Es gibt im Bezirk Calheta noch ein aktives Feuer, das unter Kontrolle abnimmt. Die Brandgefahr bleibt aber aufgrund der steigenden Temperaturen und möglicher Winde sehr hoch.

Weiterhin beobachten wir sehr genau, was um uns herum vor sich geht, und versuchen aus verschiedensten Quellen Informationen zu ziehen.

Folgende Bilder zeigen, wie sich in weniger als 24 Stunden unser Paradies zeitweilig in eine Hölle verwandelt hatte und mit welchen Naturwunden wir nun leben müssen.

Dienstag 17 Uhr 

Dienstag 18 Uhr 

Dienstag 19.30

Dienstag 21 Uhr - wir flüchten


Mittwoch 7.30 Uhr wir fahren nach Hause
Mittwoch 8 Uhr - wir kommen zurück, die Feuer sind hinter unserem Haus weitergezogen

Mittwoch 15 Uhr - es wird nochmal gefährlich, die Nachbarschaftsfeuerwehr rückt an

Mittwoch 19 Uhr - Kontrollgänge durch die Nachbarschaft 

Zerstörung soweit das Auge reicht

Mittwoch 20 Uhr - verbrannte Eukalyptusbäume - im Hintergrund wüten die Feuer weiter

Freitag 11 Uhr - die Aufräumungsarbeiten beginnen, das Leben geht weiter




















11 August 2016

Flammendes Inferno

Flammendes Inferno

Schreckliche Bilder gab es in den vergangenen zwei Tagen über alle Medienkanäle, deshalb nur Text zum Feuermeer auf Madeira. Ich habe in meiner Nachtwache mal einiges zusammengefasst.

In der ersten Augustwoche gehen die Temperaturen stetig nach oben, jeden Tag ein neuer Rekord nahe vierzig Grad. Während es bei uns in Calheta recht windstill bleibt, erzählen Freunde aus Funchal bereits von heftigen, heißen Winden. Eine ähnliche Situation auf dem Flughafen, dort werden viele Starts und Landungen gecancelt oder umgeleitet. Die Warnungen vor der extrem hohen Gefahr für Feuer werden ständig erneuert. Es dürfen keine Feuerwerke anlässlich der traditionellen Feste stattfinden.
Trotzdem entdecken wir auf einer Wanderung über Paul da Serra am Samstag Nachmittag ein noch nicht ganz ausgeglühtes Grillfeuer an einem Picknickplatz. Verantwortungslos! 
Am Montag, den 9. August, sind wir am Nachmittag auf dem Weg nach Funchal und entdecken bereits die ersten Rauchwolken oberhalb des Madeira Shopping Center. Wir haben haben nahe dem Mercado dos Lavradores unten in der Stadt zu tun und sehen bald wie sich die anfänglich orange-grauen Rauchwolken verändern zu schwarzem Qualm, der beginnt die oberen Stadtteile zu überziehen.
Schnellstmöglich verlassen wir Funchal über küstennahe Straßen wieder Richtung Calheta. Zuhause angekommen überschlagen sich bereits die Horrormeldungen, welches Ausmaß der Brand anzunehmen droht. 
Über Nacht und am folgenden Dienstag entfachen die heißen Winde immer weitere Feuer, das sich nach unten in die Stadt hineinfrisst. Inzwischen tauchen weitere Brandmeldungen entlang der Südküste auf.
Ich entdecke am Dienstag Nachmittag erste Ascheflocken, die in unseren Garten wehen. Inzwischen hat auch bei uns der NO-Wind etwas zugenommen und ich kann eine Rauchsäule auf Paul da Serra sehen. Das ist kurz nach 16 Uhr und Luftlinie ca. 8 km und genauso viele Lombos entfernt in einer Höhe von 1300 Metern. 
Um 17 Uhr, hat sich die Entzündung bereits zu einem großen Waldbrand entwickelt, wir entschließen uns, den Garten und die trockene Wiese hinter unserem Haus zu wässern. Anschließend bereiten wir uns für eine Flucht vor. Um 18 Uhr brennt es bereits bis auf 500 Meter herunter, immer noch einige Bergrücken entfernt. Um 20 Uhr stehen die ersten Häuser oberhalb Arco da Calheta in Flammen, dann geht es rasend schnell Richtung Westen weiter, über die oberen Hänge durch den Eukalyptuswald und nach unten in die Täler und wieder hinauf zu den Siedlungen. Als uns um 21 Uhr der Strom ausfällt, die ersten Häuser von Estrela brennenund uns nur noch die Ribeira Grande von dem riesigen Flammenmeer trennt, fahren wir Richtung Meer. Die Einheimischen aus der Nachbarschaft wollen in der Nähe bleiben, Freunde aus Estreito entschließen sich auch für die Flucht. 
Wir sehen und hören kein einziges Feuerwehrauto. José und etliche andere Helfer aus der Nachbarschaft bleiben als private Rettungskräfte am Ort. Allein diesen Menschen ist es zu verdanken, dass keine Menschenleben zu beklagen sind und kaum Schäden an Häusern entstanden.
Wir sitzen bis 2 Uhr morgens mit anderen Flüchtlingen in der Marina, verfolgen zum einen die Meldungen - alle Brände von Funchal bis Calheta sind außer Kontrolle - und zum anderen den roten Widerschein, der über die Felskante hinter uns sich auf dem Meer widerspiegelt.
Dann legen wir uns zu vielen anderen an den Strand mit schwindenden Hoffnungen.

In der ersten Morgendämmerung fahren wir hoch zu unserem Haus, noch ist alles unversehrt, aber unser Lombo brennt und qualmt immer noch, sodass wir nicht bleiben können. Außerdem kommt kein Wasser mehr aus den Leitungen. Zum Glück hat der Wind über Nacht nachgelassen, ja es ist am Morgen fast windstill. Die Feuer springen nicht mehr, sondern fressen sich etwas langsamer an den verwilderten Terrassen wieder zum Wald hinauf und ziehen dort weiter Richtung Westen.

Gegen 9 Uhr können wir zurück, die größte Gefahr scheint bei uns vorbei. Noch umgeben uns etliche Schwelbrände, die immer mal wieder zu hellen Feuern aufflackern. Der Gartenschlauch liegt bereit, noch haben wir ein paar hundert Liter Wasser im Tank, das wir für die Außenbewässerung mobilisieren können.

Bis Prazeres sehen wir dunkle Rauchwolken zum Himmel aufsteigen. Auf dem Weg dorthin ist ein kleines Gewerbegebiet bedroht, unter anderem mit einem Lager von 200.000 Litern hochprozentigem Rum. 
Der Wald über uns rauscht, knackt, knistert, Bäume stürzen laut krachend um - wir bleiben auf Alarmstufe rot. 
Am Nachmittag bringt ein Pickup ein paar Fässer Wasser in unsere Vereda, als sich die Situation wieder verschärft. Aber hier geht alles gut. 
Weiterhin regnet es Ascheflocken grau und schwarz, dank der zunehmenden Luftfeuchtigkeit und den sinkenden Temperaturen nicht mehr glühend.
Am frühen Abend entspannt sich die Lage für ganz Estreito da Calheta, doch weiter westlich und in den Höhenlagen wüten die Feuer weiter.
Bei einer kurzen Rundfahrt wird uns das Ausmaß des Schreckens erst richtig bewusst. Bislang verbrachten wir die bangen Stunden wie in Trance, immer in der Angst alles zu verlieren, beschäftigt mit sinnlosen Dingen, wie Asche fegen, obwohl sie weiterhin vom Himmel fällt. Und jetzt kommt die große Trauer, als wir durch die schwarz-graue zerstörte Natur fahren, mit ihrem beißenden Brandgeruch. 
Erste Meldungen sickern durch, dass etliche der Brände auf gezielte Brandstiftung zurückgehen sollen. Ich kann und will es nicht glauben! Es wäre schön schlimm genug, wenn sie durch Fahrlässigkeit verursacht wurden. Aber absichtlich?
Den ganzen Tag telefonieren wir mit Freunden auf der Insel , glücklicherweise und wie durch ein Wunder ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Besorgte Nachfragen aus der Heimat, wo die Medien Bericht erstattet hatten, können wir nun mit "fast überstanden" beantworten. 
Die folgende Nacht bleiben wir im Haus und schieben Wache. Sie bleibt hier ereignislos. Der Morgen beginnt mit einer Glocke aus Dunst/Dampf/Rauch und noch immer fliegen Ascheflocken.