10 September 2026

Espigão

Lombo - Espigão/Geodésico - Terra Chã 

Nach all den Genusswanderungen der letzten Monate hatte ich mal wieder den Wunsch nach einer echten Herausforderung, nach dem Motto "mal schauen, was noch geht". Also suchte ich aus meiner Liste etwas aus, was dort schon lange wartet, fragte Jorge, ob er mich führt, und wir fanden einen Tag, an dem ich sowieso keine Wanderbegleitung hatte.

Weil unser Weg sowieso einer Generalüberholung bedurfte (es gehen hier einfach nur noch selten Wanderer), begleitet uns auch noch Orlando Barbeito. Dann machte sich die 70+/- Gruppe auf den Weg, die beiden Männer, wie immer mit dem Podão (Machete).


da wollen wir hinauf - Espigão

Dass der September nicht die idealste Zeit ist, um im Westhang des São Vicente-Tals einen Wanderung zu machen, war klar: es ist heiß, die Vegetation ist üppig bzw. fällt vertrocknet in sich zusammen, besonders der 2-3 m hohe Farn, und es gibt Wespen. Unglücklich war, dass wir sowohl beim Aufstieg an einer sehr schmalen Kante und beim Abstieg auf dem Grat auf ein Wespennest stießen. Rechtzeitig bemerkt, musste ein Umweg gesucht und freigeschlagen werden - ohne Ortskundige ein lebensgefährliches Unterfangen. Aber mein Vertrauen in meine Begleiter wächst mit jeder Wanderung - sicherer kann man auf Madeira nicht unterwegs sein.






Auf den letzten sehr steilen hundert Höhenmetern muss ich zweimal Pause machen - das Alter und die Hitze machen sich bemerkbar. Als wir den Geodésico von Espigão und damit den Gipfel des Lombos erreichen, ist alle Müdigkeit verflogen. Die Aussichten sind grandios.






Der Abstieg Richtung São Vicente erfolgt zunächst auf dem Grat, mal gut geschützt durch dichten Baumheidebewuchs rechts und links, mal direkt auf dem Fels, mit ganz moderatem Gefälle. Dann wird der Bergrücken breiter, wir sind in der Lorbeerbaumzone, und nur wer weiß, wo ein Weg sein sollte, wird ihn auch finden. Ich kann eigentlich ganz gut Spuren lesen, aber hier wäre ich verloren gegangen. Jorge und Barbeito setzen neue Markierungen, zeigen mir, wo der alte, aufgegebene Weg gewesen wäre, und gehen so zielstrebig durch das kniehohe Laub nach unten, als würden sie das jeden Tag machen. Als wir in die Eukalyptuszone kommen beginnt die nicht endend wollende "Direttissima", elend steil und mit dem ganzen Laub und Rinden wirklich müsam. Dazu noch ein paar Klettereinlagen - mehr als einmal wünschte ich mir einen Fallschirm. Absprungmöglichkeiten hätte es genug gegeben, aber ich musste mich mit den überwältigenden Aussichten zufriedengeben und mit mittlerweile ziemlich müden Beinen noch den Weg entlang der Felswand über Terra Chã - hochkonzentriert - schaffen. Was mich in diesen Situationen immer von meiner Müdigkeit ablenkt, sind die Geschichten von den Menschen, die dies jahrhundertelang tagtäglich gemacht haben: Holzfäller, die dort oben gearbeitet und ihre Frauen und älteren Kinder, die das Mittagessen auf den Berg gebracht haben. 


Blick nach vorn - São Vicente - das ist der Abstieg

Blick zurück - Espigão








die Lapas negras an der Ostflanke

Ribeira Água d'Alto


Blick zurück - der Abstieg durch die Flanke

zurück in der Zivilisation


Ich bin ziemlich glücklich, als ich wieder ebenen Boden unter den Füßen habe und einfach nochmal den Blick zurück schweifen lasse. Was für eine tolles Abenteuer! Wir sind 760 m hinauf und 930 m hinunter und ich habe dafür fast acht Stunden gebraucht.

Fazit: eine geniale Wanderung bei Top-Wetter, ABER nie ohne ortskundige Führung und mit viel Wasser, denn es gibt keine Quelle und damit keinen ständig wasserführenden Bach 







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